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Di, 20. Juli 2021 – Oldendorf II

Landbau Biohof von Reiner Bohnhorst

Herausforderung „Ökologischer Landbau“

Am 20. Juli 2021 haben Kristina Huber und Peter Block den Landbau Biohof von Reiner Bohnhorst in Oldendorf II bei Natendorf im Landkreis Uelzen besucht. In Gemeinschaft mit dem Nachbarhof Haram werden hier auf mehr als 400 ha Land Kartoffeln, Getreide, Quinoa, Bohnen, Erbsen und Feldgemüse angebaut.

Ökologie als Lebenseinstellung

Reiner Bohnhorst ist auf dem konventionell bewirtschafteten Bauernhof seiner Eltern aufgewachsen und studierte in Witzenhausen bis 1995 Agrarwirtschaft. Danach stand für ihn fest, dass er in Natendorf zukünftig die Ökologie in den Vordergrund stellen möchte. Da sein Vater dies sehr kritisch sah, pachtete er von ihm zunächst 25 von 70 ha, um sich und seine Ideen unter Beweis zu stellen. Vier Jahre später war sein Vater so von den Neuerungen überzeugt, dass er zugab, dass sie schon früher hätten umstellen sollen. Nach der Hofübernahme hat sich der Betrieb innerhalb der letzten 25 Jahre ständig vergrößert und die Produktion ausgeweitet.

Durch die Zusammenarbeit mit seinem Nachbarn Per Morten Haram und den vielen Vorteilen aus den gemeinsamen betrieblichen Belangen, so wie die Ungebundenheit an eine Viehhaltung und damit bessere Zeitplanung (z. B. auch für den sommerlichen Urlaub), bereut er nicht, diesen doch risikoreichen Schritt gegangen zu sein.

Zusätzlich wird der Alltag von Reiner Bohnhorst durch unverzichtbare Helfer von neun Mann Stammbelegschaft und 16 Saisonarbeitern aus Rumänien und Polen, modernste Maschinen, seine langjährige Erfahrung sowie durch seine ausgeprägte Bereitschaft zur Veränderung erleichtert.

Stetiges Beobachten und Reflektieren seiner landwirtschaftlichen Praktiken sind für Reiner Bohnhorst essenziell – denn es geht immer noch ein bisschen besser. Darüber hinaus ist er sehr auf eine vielfältige Fruchtfolge und die Gesunderhaltung der Böden bedacht – denn nur so können qualitativ wertvolle, unbelastete Früchte zum Wohle ernährungsbewusster Verbraucher erzeugt werden.

Bio der Natur wegen – aber mit Kompromissen

Um aber gemäß den Regeln von „Bioland“ auch wirtschaftlich erfolgreich zu sein, sind geringe Eingriffe in die natürlichen Naturabläufe schlicht nicht vermeidbar. Viel ideenreicher Aufwand ist deshalb erforderlich, um Eingriffe bei der Unkraut-Unterdrückung, der Schädlingsbekämpfung und der Bodengesundheit ohne chemische Mittel auf einem vertretbaren Level zu halten. Dazu bedarf es ständiger wissenschaftlicher Forschung, um z. B. auch der Artenvielfalt und dem Klimaschutz möglichst viel Raum für eine gedeihliche Zukunft von Mensch und Natur zu sichern.

Beikräuter im Wintergetreide
Beikräuter im Wintergetreide
Foto: Bohnhorst
Verunkrautete Quinoa
Verunkrautete Quinoa
Foto: Bohnhorst
Kameragesteuerte Hacke im Einkorn
Kameragesteuerte Hacke im Einkorn
Foto: Bohnhorst
Spätes Hacken im Einkorn
Spätes Hacken im Einkorn
Foto: Bohnhorst

Der konventionelle Landwirt arbeitet mit synthetischen Pestiziden und Kunstdünger um Ernteausfälle zu vermeiden. Das führt aber im Extremfall zu dem Ergebnis, dass auf dem Acker nur noch das wachsen darf, was dem maximalen finanziellen Ertrag dient.

Dem ökologischen Landwirt stehen zur Unkrautbekämpfung nur arbeitsaufwändige mechanische Methoden wie Striegeln und Hacken zur Verfügung. Reiner Bohnhorst ist sehr fortschrittlich unterwegs und setzt präzise kameragesteuerte Hacken und Roboter zur schonenderen Bearbeitung der Felder ein. Bei manchen Kulturen reichen oft auch schon vielfältige Fruchtfolgen oder eine Beikraut-unterdrückende Untersaat bzw. Zwischenfrucht.

Alte und neue Hacktechnik
Alte und neue Hacktechnik
Foto: Bohnhorst
Hackroboter in Zuckerrüben
Hackroboter in Zuckerrüben
Foto: Bohnhorst
Naturbelassene Wegränder
Naturbelassene Wegränder
Foto: Huber
Breite Blühstreifen in vernetzter Landschaft
Breite Blühstreifen in vernetzter Landschaft
Foto: Block

Auch bei der Erhaltung der Pflanzengesundheit hat es der konventionelle Kollege leichter. Für die gefürchtete Krautfäule beim Kartoffelanbau stehen ihm Kontaktfungizide zur Verfügung, dem Biobauern nur schwache Kupferpräparate.

Bei der Bekämpfung des Drahtwurms, der die Ernten durch Fraßstellen an Wurzeln und Knollen sehr schädigen kann, hat der Biobauer ebenfalls nur mechanische Methoden wie wiederholtes Hacken des Bodens um seine Vermehrung zu stören. Der Kartoffelkäfer darf nur mit einem pflanzlichen Präparat, das für den Öko-Landbau zugelassen ist, in seiner Larvenentwicklung gestoppt werden.

Auch bei der Nährstoffversorgung der Pflanzen sind chemische Hilfen ausgeschlossen. Die Stickstoffversorgung kann auf natürlichem Wege durch legume Untersaat und Zwischenfrucht z. B. durch Grasklee erfolgen. Damit kann auch die biologische Aktivierung des Bodens durch Humusbildung wie mit Stallmist und Biokompost erfolgen. Reiner Bohnhorst, der selbst kein Vieh hält, nutzt für die nachhaltige Erhaltung der Fruchtbarkeit des Bodens die regionale Zusammenarbeit mit Tierzuchtbetrieben um den Nährstoffkreislauf zu schließen. Große Hoffnung setzt er auch auf die Züchtung resistenter Pflanzen, deren Robustheit manche Eingriffe ersparen können.

Alle diese natürlichen Bemühungen beim Erzielen möglichst guter Ernten tragen zu einer gesunden Ernährung von Mensch und Tier bei und bereichern unsere Umwelt nachhaltig, indem sie den massiven Rückgang der Artenvielfalt vermindern.

Darf es noch ein bisschen mehr sein?

Wenn man Untersuchungsberichte über den dramatischen Rückgang von Tier- und Pflanzenarten liest, dann kommt als Fazit wie beim brandenburgischen Chorin Projekt (Naturschutz in der Agrarlandschaft, Quelle & Meyer Verlag 2003) meist übereinstimmend Folgendes heraus:

„Als wichtigstes Naturschutzziel in der Ackerlandschaft kristallisiert sich eindeutig die Bereitstellung eines ausreichenden Anteils an Brachen bzw. Stilllegungsflächen heraus. Für fast alle Arten kommt den ein- oder mehrjährigen Stilllegungsflächen eine Schlüsselrolle zu. Insgesamt scheint der aus Naturschutzsicht zu fordernde untere Schwellenwert bei 10 % Flächenanteil in der Agrarlandschaft zu liegen.“

Hier wird nicht direkt auf die bewirtschaftete Ackerfläche Bezug genommen, sondern auf den Ausgleich für die intensive Flächennutzung.

Bei einem Rundgang konnten wir entlang der Wege und Ackerflächen bei Reiner Bohnhorst bereits entsprechende Beispiele feststellen: Unbewirtschaftete Kleinflächen an nährstoffarmen Standorten als Pufferzonen für heimische Tier- und Pflanzenarten, kleine Flurgehölze, wegbegleitende Randstreifen zur Ausbreitung und zum Rückzug von Lebewesen, Kleinstrukturen wie Lesesteinhaufen, Einzelbäume, Obstbaumreihen, Totholz und liegengelassener Strauchabschnitt. Sehr wichtig sind auch Überwinterungsflächen durch Liegenlassen von Stoppeln von Getreide, Erbsen und Mais oder die Zwischenfrucht zur Nahrung, Deckung und Rast von Tieren.

Heckenrose mit blühender Ackerbohne
Heckenrose mit blühender Ackerbohne
Foto: Bohnhorst
Kleine Feldgehölze
Kleine Feldgehölze
Foto: Block
Lesesteinhaufen am Feldrand
Lesesteinhaufen am Feldrand
Foto: Block
Reiner Bohnhorst in seinem Reich
Reiner Bohnhorst in seinem Reich
Foto: Block

An dieser Stelle könnte mit entsprechenden Fördermitteln flächenmäßig sicher noch mehr erreicht werden. Denn eines hebt der o. g. Projektbericht auch hervor - nämlich dass die Landwirtschaft eine Vorsorgepflicht hat:

„Die Landwirtschaft als Nutzer der natürlichen Ressourcen hat die Pflicht, dafür Sorge zu tragen, dass die Umwelt durch landwirtschaftliche Maßnahmen nicht unvertretbar belastet wird. Andererseits kann von der Landwirtschaft nicht erwartet werden, dass sie unter hohen wirtschaftlichen Verlusten Naturschutz auf den Produktionsflächen leistet, ohne dafür von der Gesellschaft belohnt zu werden.“

Wir wünschen Reiner Bohnhorst dass er mit seinem experimentierfreudigen Vorgehen auch weiterhin Erfolg hat und dabei im Einklang mit der Natur bleibt.

Text: Kristina Huber & Peter Block

https://www.biokartoffeln.de/

Kategorie: Ökologisch leben

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